Magelline dachte früher, die Schweiz sei eine Postkarte, die man immer auf dieselbe Weise faltet. Dann sah sie eines Morgens in Zermatt, wie das Matterhorn sich weigerte, länger als zehn Minuten gleich auszusehen. Die Wolke fraß eine Schulter. Das Licht erfand die andere. Auf dem Bahnsteig des Gornergrat sagte eine Frau oh und sonst nichts, und das wirkte stimmig.
Sie nahm den Zug, weil so hoch zu laufen ihre Knie zu Lügnern gemacht hätte. Das Dorf roch selbst im Sommer nach Holz und Schnee. Die Leute sprachen leise, als könnte der Berg beleidigt sein. Das gefiel ihr.
Später fuhr sie Richtung Interlaken und dann wieder hinauf, mit diesem seltsamen kleinen Zug, der sich in die Jungfrau gräbt, als hätte der Fels eingewilligt, eine Reisende zu schlucken und sie auf dem Gletscher wieder herauszugeben. Der Aletsch wirkte weniger wie Eis als wie ein Fluss, der mitten im Satz eingeschlafen war. Unten in Lauterbrunnen fiel das Wasser an so vielen Stellen, dass sie aufhörte zu zählen. Jemand auf dem Bahnsteig erwähnte Goethe. Sie nickte, als hätte auch sie an ihn gedacht. Hatte sie nicht. Sie dachte daran, wie kalt ihre Finger waren und wie der Sprühnebel die Luft rein schmecken ließ.
Der Genfersee war die andere Stimmung. Breit, fast träge, hielt er die Alpen so, wie ein dunkler Spiegel ein Gesicht hält. Montreux hatte etwas Theatralisches, Hotels blickten aufs Wasser, als warteten sie auf Beifall. Chillon saß auf seinem Felsen und wirkte genau so alt, wie die Geschichten behaupten. Die feuchten Räume durchquerte sie schneller, als sie wollte. Draußen war der See heller als der Stein. In Genf stieg in der Dämmerung der Jet d'Eau auf wie ein weißer Gedanke, den die Stadt nicht für sich behalten konnte.
Luzern fühlte sich bewohnter an. Bemalte Häuser. Die Kapellbrücke roch nach altem Holz nach dem Regen. Sie stand lange vor dem Löwen im Fels und fühlte sich merkwürdig ermahnt, weil sie ihn dramatischer wollte. Er war nur müde und schön. Vom Boot aus wirkte der See gehämmert und langsam. Pilatus und Rigi hingen darüber, als wäre das von jeher ihre Aufgabe gewesen.
Der Rheinfall war lauter als ihre Gedanken. Sie erwartete Erhabenheit und bekam eher Freude, Wasser, das sich nach vorn warf, ohne um Erlaubnis zu fragen. In der Mitte liegt ein Felsen. Die Leute posierten. Sie nicht. Sie sah dem Weiß zu, bis ihr die Augen tränten.
Bern war zum Gehen unter den Lauben da, wenn die Höhe genug getan hatte. Die Uhr spielte noch immer ihr kleines mittelalterliches Stück. Die Bären gehörten zum alten Scherz der Stadt mit sich selbst. Gruyères war klein und sicher in seinem Käse und seinem Schloss und brauchte niemandes Staunen. Im Engadin war die Luft so scharf, dass die Seen von St. Moritz und Sils wirkten, als übten sie die Berge ein zweites Mal, umgekehrt, stiller.
Danach behielt sie keinen Reiseplan im Kopf, nur das Wetter. Zuerst Nebel. Dann Licht. Dann Wasser, das einmal Schnee gewesen war. Die Schweiz hetzte sie nicht. Sie bot dieselben wenigen Wunder in etwas anderem Licht, bis Magelline aufhörte, sie wie eine Liste zu behandeln.
Mehr wollte sie von den berühmten Orten nicht. Keine vollständige Sammlung. Nur das Gefühl, dass der Boden noch zu erstaunen versteht, ohne die Stimme zu heben.

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